Adriana Woll 

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Autor: LENA GRUNDHUBER, 18.03.2013

Drei Türen nach Brasilien

Diese Werke scheint nichts zu verbinden. Leuchtend malt Adriana Woll, konzeptuell arbeitet José de Quadros, politisch Lapi Pires. Die Verbindungen der Brasilianer im Kunstverein laufen untergründiger.


Lapi Pires Favela-Wand steht im Zentrum, die Wände in der Brasilien-Ausstellung des Kunstvereins gehören Adriana Woll und José de Quadros. Foto: Oliver Schulz

Der Weg zu den Hintergründen führt durch eine bunte Tür. Ein lustiges Ungetüm mit Schlips und roten Nägeln ist auf die Favela-Wand gemalt. Der 2001 verstorbene brasilianische Journalist und Cartoonist Lapi Pires hat sie in einem Projekt mit Jugendlichen angefertigt und den "One World Art Price" der BBC dafür gewonnen.

Man ahnt es: Die Rückseite der Tür ist nicht mehr ganz so lustig. Neben indianischem Federschmuck, Heiligenbildchen und Karnevalsmaske hängt da eine Karikatur mit einem Schiff aus Gerippe - Lapi Pires Kommentar zum 500. Jahrestag der Entdeckung Amerikas. Schon lange habe sie das Objekt zeigen wollen, erzählt Ausstellungsleiterin Monika Machnicki vom Kunstverein Ulm. Der Kulturfrühling zum Thema Brasilien ist die Gelegenheit. "Abra o olho! - Augen auf!" heißt die Ausstellung im Schuhhaussaal, die Pires ins Zentrum stellt, den Schwerpunkt aber auf zwei andere Brasilianer legt: Adriana Woll und José des Quadros.

Auch die Malerei von Adriana Woll wirkt zunächst bunt, fröhlich, ja dekorativ. Doch die leuchtende Verschlungenheit, die die Bilder ausfüllt, trägt Namen wie "Autorität des Hügels" oder "Alice und das Monster". In munteren lilarot-runden Windungen steckt die Form eines Schlagstocks, im Rosa kann man mit viel Fantasie die Knie eines Mannes ausmachen, der ein Kind missbraucht.

Die 1972 in Sao Paulo geborene Künstlerin lebt in Saarbrücken und reanimiert die spezifisch brasilianische Ausprägung der konkreten Kunst. Der "Concretismo", den Woll in Schwingung bringt, hat Verbindung zur Ulmer HfG. "Spin doctor" des transatlantischen Austauschs sei HfGler Almir Mavignier gewesen, erklärt Monika Machnicki. "Re-Tropicalismo" nennt Woll ihren Remix der Tropicália-Bewegung, die sich während der Militärdiktatur der 60er Jahre formierte. Ausgehend vom "Manifest des Kannibalismus" von Oswald de Andrade 1928, wollten sich Künstler aller Gattungen die unterschiedlichen Einflüsse "einverleiben", damit eine eigenständige brasilianische Kunst entstehe.

Der Europäer muss Wolls Bilder erst "lesen" lernen - etwas leichter wird die Dekodierung bei dem 1958 geborenen José des Quadros fallen, wenn man weiß, dass er in Kassel und Sao Paulo Ateliers unterhält. Beim Blick aus dem Fenster in Kassel zeichnet sich eine Kaserne im Grauschleier ab, in Brasilien ist es das Gewirr von Leitungen, das sich über dem armen Stadtteil verknäuelt, wo der renommierte Künstler sich bewusst einquartiert hat. Sein sozialer Anspruch tritt ästhetisch dezent auf, ist aber dezidiert: Die Serie "Hände für Sao Paolo" dokumentiert die verletzten Hände von Menschen, die an der Arbeit für öffentliche Bauten beteiligt waren. "Staden revisto" heißt die Serie über den Söldner Hans Staden, der von Indianern gefangen wurde und später, 1557, über den Stamm und dessen Kannibalismus publizierte.

Eine Reflexion auf die deutsche Vergangenheit ist die Serie mit Tageszeitungen aus den 30er und 40er Jahren. Über die "Proklamation des Führers" krabbelt eine rote Waldameise. Die erste neue Nummer der Hessischen Post 1945 hält ihren Lesern den Schrecken der Vernichtungslager vor. José de Quadros hat das Blatt mit dem Blütenstand der Sonnenblume überzeichnet. Das sieht aus wie ein Todesmarsch vor der Grube.

Südwest Presse, Ulm, 18.03.2013


Südwest Presse, Ulm, 17.03.2013


Kultur Fruling Ulm Brasilien 2013


Augsburger Allgemeine, Ulm, 16.03.2013


De Calameo 2013


KulturPur, Ulm, 17.03.2013


Südwest Presse, Ulm, 14.02.2013


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